Neue Studie findet fünf genetische Ursachen für 14 psychische Störungen

ADN
Eine groß angelegte Untersuchung hat ergeben, dass vierzehn psychiatrische Erkrankungen auf fünf gemeinsame genetische Ursprünge zurückgeführt werden können. Diese Erkenntnisse könnten das Verständnis sowie die Diagnose und Behandlung psychischer Störungen maßgeblich beeinflussen.
TL;DR
- Fünf genetische Faktoren verbinden viele psychische Störungen.
- Diagnosen wie Schizophrenie und Bipolarität teilen genetische Basis.
- Ergebnisse deuten auf künftige, präzisere Therapien hin.
Genetische Verbindungen zwischen psychischen Erkrankungen neu bewertet
Dass zahlreiche psychische Störungen eng miteinander verwoben sind, bestätigen jüngste Erkenntnisse einer internationalen Forschungsgruppe unter Leitung der Universität Colorado Boulder. Die Analyse der Genome von mehr als einer Million Betroffenen – im Vergleich zu fünf Millionen Kontrollpersonen – erschüttert altbekannte Annahmen über die Abgrenzung psychiatrischer Diagnosen. Besonders bemerkenswert: Die biologische Nähe vieler Erkrankungen zeigt sich weit deutlicher als bisher angenommen.
Fünf zentrale genetische Faktoren entdeckt
Im Zentrum der Studie stehen fünf maßgebliche genomische Faktoren, die quer durch vierzehn verschiedene Krankheitsbilder hinweg identifiziert wurden – darunter etwa Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie oder Zwangsstörungen. Zusammengenommen umfassen diese Faktoren 238 genetische Varianten und erklären rund zwei Drittel der Unterschiede zwischen Erkrankten und Gesunden.
Jeder dieser genetischen Faktoren lässt sich mit bestimmten Symptomgruppen in Verbindung bringen:
- Kompulsive Störungen wie Zwangserkrankungen
- Sogenannte internalisierende Störungen (z.B. Depression, Angst)
- Suchtverhalten und Substanzgebrauch
- Neuroentwicklungsstörungen, beispielsweise Autismus-Spektrum-Störung
- Kombination aus Bipolarität und Schizophrenie, die bemerkenswerte genetische Überschneidungen zeigen (nahezu 70 % ihrer Signalvarianten sind identisch)
Mögliche Folgen für Diagnose und Behandlung
Der hohe Grad an biologischer Überschneidung hilft zu erklären, weshalb viele Menschen im Verlauf ihres Lebens mehrere verschiedene psychiatrische Diagnosen erhalten. Wie es der Neurowissenschaftler Andrew Grotzinger formuliert: Nicht selten werden unterschiedliche Namen für ähnliche biologische Prozesse vergeben. Daraus könnte langfristig eine neue Herangehensweise an die Therapie entstehen – weniger strikt nach Störungsbildern getrennt, sondern zielgerichteter auf gemeinsame Ursachen ausgerichtet.
Diese Perspektive eröffnet Chancen für maßgeschneiderte pharmakologische Ansätze sowie für Psychotherapien, die mehrere Diagnosen zugleich berücksichtigen. Biologisch betrachtet rücken dabei etwa neuronale Signalwege oder die Entwicklung des Gehirns in den Fokus: Während Schizophrenie und Bipolarität vor allem durch exzitatorische Neuronen geprägt scheinen, stehen bei Depression und Angst eher Oligodendrozyten im Mittelpunkt.
Zukunftsaussichten: Potenzial und Vorsicht zugleich
Doch so vielversprechend diese Fortschritte sind: Für klinische Anwendungen bedarf es weiterer Forschung. Fachleute wie der Genetiker Jordan Smoller vom Broad Institute of MIT and Harvard sprechen von wertvollen Hinweisen auf eine tiefere Verständnisebene – jedoch auch von einem langen Weg bis zur Umsetzung im Alltag psychiatrischer Praxen. Mit Blick auf die Diversifizierung künftiger Studienpopulationen bleibt das Feld in Bewegung; noch ist Zurückhaltung geboten bei vorschnellen Schlussfolgerungen.
Letztlich markiert diese Arbeit einen Schritt hin zu einer biologisch fundierteren, weniger fragmentierten Sicht auf psychische Krankheiten – deren praktische Relevanz sich erst allmählich entfalten dürfte.