Unbekannte Funktion eines Hautorgans: Gänsehaut, Haar- und Hautgesundheit

ADN
Ein oft übersehener Überrest der Evolution beeinflusst nicht nur das Phänomen der Gänsehaut, sondern spielt auch eine bisher unterschätzte Rolle für die Gesundheit von Haut und Haaren, wie neue wissenschaftliche Untersuchungen zeigen.
TL;DR
- „Gänsehaut“ ist ein evolutives Erbe mit Restfunktionen.
- Piloerektion schützt vor Kälte und signalisiert Emotionen.
- Muskelkontraktion fördert Hautgesundheit und Haarerneuerung.
Das Phänomen der Gänsehaut: Überbleibsel der Evolution
Wer kennt sie nicht, diese kleinen Erhebungen auf der Haut – meist ausgelöst durch plötzliche Kälte oder eine starke Gefühlsregung? Was wir als Gänsehaut bezeichnen, hat sich aus längst vergangenen Zeiten in unser modernes Leben hinübergerettet. Zwar mögen diese feinen Schauer heute überflüssig erscheinen, doch eine nähere Betrachtung zeigt, wie tief ihre Wurzeln im menschlichen Organismus verankert sind.
Mechanismus hinter dem Reflex
Medizinisch wird Gänsehaut als cutis anserina bezeichnet. Dahinter steckt ein komplexes Zusammenspiel: Winzige Muskeln, die sogenannten Arrectores pili, liegen an der Basis fast jedes Haarfollikels (ausgenommen Gesicht, Achseln sowie Wimpern und Augenbrauen). Sie reagieren blitzschnell auf Impulse des sympathischen Nervensystems, indem sie sich zusammenziehen. Dadurch richten sich die Haare auf – ein Reflex namens Piloerektion – und verleihen der Haut ihr typisches „körniges“ Aussehen. Bemerkenswert ist, dass dieser Reflex dem berühmten „Kampf-oder-Flucht“-Mechanismus entspricht und gleichermaßen durch eisige Temperaturen wie durch intensive Emotionen ausgelöst werden kann.
Zweck: Schutz und Kommunikation
Mehrere Faktoren erklären diese hartnäckige Präsenz im menschlichen Körper:
- Wärmeisolation: Die Piloerektion schuf einst einen isolierenden Luftpolster nahe der Hautoberfläche.
- Drohgebärde: Wie bei Tieren sollte das Aufrichten der Körperbehaarung abschreckend wirken – zur Verteidigung gegen Feinde oder Konkurrenten.
- Emotionale Signalwirkung: Bis heute spüren wir Gänsehaut etwa bei Musik oder ergreifenden Reden – identische neuronale Schaltkreise wie beim physischen Gefahrenreiz werden aktiviert.
Kleine Muskeln mit großer Wirkung für die Hautgesundheit
Abseits des Offensichtlichen leisten die Arrectores pili auch einen Beitrag zur Pflege des größten Organs unseres Körpers. Ihre Kontraktion stimuliert benachbarte Talgdrüsen leicht dazu, mehr Sebum zu produzieren – ein wichtiger Baustein für die Hydratation und den Schutz der Haut. Jüngste Forschungsergebnisse aus dem renommierten Fachjournal Cell legen zudem nahe, dass bei Mäusen sogar Stammzellen im Haarfollikel durch diesen Mechanismus aktiviert werden können. Möglicherweise birgt das vermeintlich überholte Relikt also noch ungeahnte Funktionen – und ist längst nicht so bedeutungslos, wie es scheint.